
Diese Seite ist gewidmet dem grossartigen Autor Siegfried Lenz, zu dessen Lesung ich einst ging im Schloss Bleckede an der Elbe.
Es waren einige Avid Readers gekommen, und nach der Lesung blieb der Autor noch etwas laenger bei einem Glas Rotwein (oder kaltem Bier) und ging in einen Plauderton ueber.
Auf die gute Frage, was waere aus Ihnen geworden, wenn sie als Autor keine Leser gefunden haetten, antwortete der weltberuehmte Autor mit bescheidener Gelassenheit: Ich waere Deutschlehrer in einem kleinen Gymnasium auf dem Lande geworden, um den Kindern dort lesen und schreiben und Grammatik nahezubringen.
Ich war so beeindruckt von dieser Antwort, dass ich spaeter keine Hemmungen hatte, im Fritz Reuter Gymnsaium in Dannenberg an der Elbe meinen Dienst anzutreten, als ich von der DHPS in Windhoek wieder in Deutschland ankam mit meiner damaligen Famile:
Wir hatten eine laengere Aus – Zeit genommen nach den ereignisreichen Jahren in Namibia (1988 – 1994), und waren 6 Monate mit Flieger und Zelt und Rucksack in Neuseelannd (North plus South Island) wandern gewesen. In Californien hatten wir dann 6 Wochen, um mit einem Alamo Rental Car die National Parks Bryce und Grand Canion und andere plus Arizona und Vegas zu besuchen.
Unsere beiden Kinder haben in den Folgejahren oft betont: Die nach Namibia wohl zweitbeste Entscheidung, die Vater und Mutter je getroffen hatten.
In diesem Sinne: Viel Freude dabei, den Film und den Klassikerroman Die Deutschstunde von Siegfried Lenz zu entdecken.
Siegfried Lenz: Deutschstunde
Der Maler Max, die Freuden der Pflicht und die wilden Schwäne
Menschen an der Nordsee: Eine Bestandsaufnahme
P.H. Bloecker · Burleigh Waters, Gold Coast · März 2026
Zogen einst fünf wilde Schwäne,
Schwäne leuchtend weiß und schön.
Sing, sing, was geschah?
Keiner ward mehr gesehn.
I. Das Lied und die Landschaft
Es gibt Lieder, die wissen mehr als ihre Zeilen verraten. Eines davon ist das alte Volkslied, das man im deutschen Norden kennt, bevor man seinen Titel nennt: Zogen einst fünf wilde Schwäne. Fünf Schwäne, leuchtend weiß und schön, ziehen fort. Und keiner ward mehr gesehn. Das ist alles. Keine Erklärung, keine Klage, kein Urteil. Nur die Bewegung in eine Richtung, von der es keine Rückkehr gibt.
Wer einmal im Herbst an der Dithmarscher Küste bei Büsum gestanden hat — das Watt endlos grau vor sich, der Wind unnachgiebig, der Horizont ohne Versprechen —, der versteht, dass diese Landschaft selbst ein solches Lied ist. Sie duldet keine Ausflüchte. Sie fragt nach dem Wesentlichen. Und sie kennt die Schwäne: Zugvögel, die dem Norden gehorchen, nicht dem Staat. Die kommen und gehen nach einem Kompass, den kein Polizeiposten je registrieren wird.
Genau hier, in diesem rauen, flachen, erbarmungslos klaren Norden Schleswig-Holsteins, siedelt Siegfried Lenz seinen großen Roman an. Nicht zufällig.
II. Der Roman — Rugbüll, 1943
Die Freuden der Pflicht
Die Freuden der Pflicht — dieser Aufsatztitel, den der Wärter dem zwanzigjährigen Siggi Jepsen in seiner Zelle aufzwingt, ist einer der bittersten Sätze der deutschen Nachkriegsliteratur. Er klingt nach Schulprogramm, nach staatsbürgerlicher Erziehung, nach dem, was man von braven Deutschen erwartet. Und genau das ist er auch: ein Dokument der Kontinuität. Nicht die Nazis haben diesen Pflichtbegriff erfunden — aber sie haben ihn systematisch zur Vernichtungswaffe gemacht. Und nach 1945, so Lenz’ unerbittliche Diagnose, ist er immer noch da. Ungebrochen.
Der Roman Deutschstunde, 1968 erschienen, bringt das zentrale Thema der deutschen Nachkriegsliteratur auf den Punkt: die Verquickung von Schuld und Pflicht in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt steht der Widerspruch von Pflichterfüllung und individueller Verantwortung. Lenz konstruiert ein ebenso einfaches wie erschütterndes Dreieck: Jens Ole Jepsen, Dorfpolizist im fiktiven Rugbüll nahe der dänischen Grenze; sein Jugendfreund, der Expressionist Max Ludwig Nansen; und Siggis Sohn, der zwischen beiden steht und am Ende beider Erbe trägt.
Jens Ole Jepsen — der nördlichste Polizist des Reiches
Jens Ole Jepsen, getrieben von seiner unerschütterlichen Loyalität, sieht es als seine heilige Pflicht an, das Malverbot gegen Nansen durchzusetzen — selbst als dies seine Freundschaft und das Verhältnis zu seinem Sohn zerstört. Das Erschreckende dabei: Jepsen ist kein Monster. Er ist ein norddeutscher Beamter, der seinen Dienst tut. Und genau darin liegt das Grauen — in der Normalität des Gehorsams, die keine Ausnahme kennt und keine Gnade.
“Wer seine Pflicht tut, hat keine Probleme.”
Nach Kriegsende, das Malverbot längst aufgehoben, Nansen ein international anerkannter Künstler, setzt Jens Jepsen seine Überwachung fort. Sein Grundsatz bleibt unerschütterlich. Max Nansen hingegen versteht seine Pflicht als innere Überzeugung — als Treue zu sich selbst und zur Kunst. Zwei Pflichtbegriffe, unversöhnlich. Lenz gibt keinem von beiden eine einfache Lösung. Das ist seine Stärke.
Der Maler und die unsichtbaren Bilder
Die Figur des Malers trägt unverkennbar die Züge Emil Noldes. Der bürgerliche Name Noldes war Emil Hansen — Nansen im Roman. Die Vornamen Max und Ludwig verweisen zusätzlich auf Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner, weitere expressionistische Künstler, die im Dritten Reich verfolgt wurden. Lenz schuf damit eine literarische Verdichtung des verfolgten Künstlers als Widerstandsfigur.
Nansens Antwort auf das Malverbot sind die unsichtbaren Bilder: Werke, die entstehen, obwohl sie nicht entstehen dürfen. Kunst als Akt des reinen Seins, abseits jeder Genehmigung. Hier liegt die tiefste Parallele zum Lied von den wilden Schwänen: Auch die Schwäne fragen nicht, ob sie ziehen dürfen. Sie ziehen. Nansen malt. Keiner ward mehr gesehn — aber die Bilder sind da.
Der Roman ist ein Plädoyer für das Gewissen, die Eigenverantwortung und die kritische Hinterfragung von Autoritäten. Lenz verdeutlicht, dass ein Verständnis der Gegenwart erst durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit möglich ist.
III. Klaas kommt nach Hause — der fünfte Schwan
Zogen einst fünf junge Hirten
Hirten Mädchen lieb und treu.
Sing, sing, was geschah?
Keine kam mehr neu.
Es gibt eine Szene in der Deutschstunde, die man nicht vergisst.
Klaas Jepsen, Siggis älterer Bruder, kommt nach Hause. Er hat sich selbst in den Arm geschossen. Absichtlich. Um nicht mehr kämpfen zu müssen. Um zu überleben. Um zu desertieren.
Das ist Selbstverstümmelung als politischer Akt — eine der radikalsten Formen des Widerstands, die ein einzelner Mensch gegen einen Krieg aufbringen kann. Kein Manifest, keine Rede, kein Widerstandsnetzwerk. Nur ein Schuss in den eigenen Arm und die Entscheidung: Nicht mehr. Nicht für euch. Nicht für das.
Klaas ist der fünfte Schwan. Er hat den Zug gespürt — nicht nach Süden, sondern aus diesem Krieg heraus. Weg von der Front, weg von der Pflicht, weg von dem, was sein Vater für heilig hält. Er folgt einem inneren Kompass. Sein Vater hat diesen Kompass. Aber er hat ihn dem Dienst geopfert.
“In sklavischer Pflichterfüllung liefert Vater Jepsen den Deserteur Klaas den Henkern aus.”
Wie reagiert Jens Ole Jepsen, der pflichtbewusste Vater, der norddeutsche Polizist, der Mann, der seinem Freund das Malverbot überbracht hat ohne mit der Wimper zu zucken? Er zeigt seinen eigenen Sohn an. Er erfüllt seine Pflicht.
Das ist der Moment, in dem Lenz den Pflichtbegriff endgültig entlarvt. Nicht als moralische Kategorie, sondern als Vernichtungsmechanismus — selbst gegen das eigene Fleisch und Blut. Jepsen empfindet dabei keine Tragik, keine Zerrissenheit, keine väterliche Erschütterung. Er hat seine Ordnung, und die Ordnung verlangt Meldung. Also meldet er.
Was Siggi in diesem Moment lernt, ist das Eigentliche: dass Liebe und Pflicht in der Welt seines Vaters keine Schnittmenge haben. Dass ein Mensch, der immer seine Pflicht tut, aufgehört hat, ein Mensch zu sein.
Die Wunde am Arm von Klaas und die unsichtbaren Bilder von Nansen gehören zusammen. Beides sind Akte des Überlebens gegen den Staat. Beides rettet Siggi — im Innern — mehr als die Pflicht je könnte. Klaas überlebt den Krieg. Er wird Fotograf. Er fotografiert am Ende nur noch Tote. Auch das ist ein Bild, das Lenz uns hinterlässt, ohne es zu erklären.
IV. Die wilden Schwäne — Symbolik der Freiheit
Zogen einst fünf wilde Schwäne,
Schwäne leuchtend weiß und schön.
Sing, sing, was geschah?
Keiner ward mehr gesehn.
Die wilden Schwäne gehören zum ältesten Symbolrepertoire des nordgermanischen und skandinavischen Kulturraums. Hier, an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins — in eben der Landschaft, in der Lenz seinen Roman ansiedelt —, sind Schwäne nicht Dekoration, sondern Wesen des Übergangs. Sie kommen aus dem Norden, ziehen weiter, sind niemals sesshaft. Sie folgen keinem Staat, keiner Pflicht, keinem Verbot.
Hans Christian Andersens Märchen Die wilden Schwäne, im dänisch-deutschen Grenzland bestens bekannt, erzählt von Prinzen, die in Schwäne verwandelt wurden: sie können des Tages nicht sie selbst sein, nur nachts kehrt ihnen die menschliche Gestalt zurück. Die Schwester rettet sie durch schweigendes Ausharren, durch Arbeit im Verborgenen, durch Widerstand ohne Sprache. Die Parallele zu Nansens unsichtbaren Bildern ist auffällig: Kunst, die nicht gezeigt werden darf, die im Verborgenen entsteht, die trotzdem ist.
Lenz setzt das Lied von den fünf wilden Schwänen als stummes Leitmotiv des Romans ein. Es erklingt nicht als Propagandalied, nicht als Marschlied, nicht als Befehlsform. Es erklingt in der Stille — als die, die fort sind, bereits gegangen sind. Als Erinnerung an das, was war und was nicht zurückkehrt.
Fünf Figuren — fünf Schwäne
Man darf das Lied nicht zu eng auslegen. Aber die Fünfzahl lädt zur Spiegelung ein. In Rugbüll gibt es fünf Figuren, die jeweils auf ihre Weise mit Freiheit, Gehorsam und Flucht zu tun haben:
Nansen, der Maler: Er weigert sich zu verschwinden. Er bleibt — aber er malt im Verborgenen. Er ist der Schwan, der nicht wegzieht, sondern sich verwandelt, um zu überleben.
Klaas, der Deserteur: Er zieht fort. Er schießt sich in den Arm, er desertiert, er überlebt. Er ist der Schwan, der wirklich fliegt — und nicht mehr zurückkommt in das, was seine Familie von ihm verlangt.
Siggi, der Junge: Er wird zwischen den anderen zerrieben. Er stiehlt die Bilder, weil er sie retten muss. Er landet in der Anstalt. Er ist der Schwan, der noch nicht fliegen kann — aber der weiß, dass er fliegen will.
Hilke, die Schwester: Sie verlässt Rugbüll ebenfalls. Lautlos, ohne Drama. Auch sie ein Schwan, der geht.
Und Jens Ole Jepsen: Er ist der einzige, der bleibt. Der einzige, der zurückkommt — aus der englischen Gefangenschaft, auf seinen Posten, als wäre nichts gewesen. Er ist kein Schwan. Er ist der Deich, der die Schwäne aufhalten will.
Das Lied als Urteil
Das Volkslied fällt kein Urteil. Es fragt nur: Sing, sing, was geschah? Und antwortet: Keiner ward mehr gesehn. Das ist keine Klage. Das ist Feststellung. Wer fliegt, fliegt. Wer bleibt, bleibt. Und die Geschichte entscheidet, wer recht hatte.
In Rugbüll hat die Geschichte entschieden. Nansen wird international anerkannt. Klaas überlebt. Siggi schreibt. Hilke geht. Und Jens Ole Jepsen kehrt auf seinen Posten zurück — als wäre nichts gewesen. Pflicht ist Pflicht. Auch das ist eine Form von Keiner ward mehr gesehn: der moralische Verschwundene, der körperlich noch da ist.
V. Die Nordsee als moralischer Raum
Warum die Nordsee? Warum nicht das Ruhrgebiet, nicht Berlin, nicht Bayern?
Weil diese Landschaft keine Verstecke anbietet. Büsum, Rugbüll, Husum — das ist eine Welt ohne Wälder, in der man gesehen wird. In der das Licht flach und unerbittlich liegt. In der der Wind kein Schweigen duldet. Wenn man eine Seite von Lenz aufschlägt, findet man Sätze wie: Unerleuchtet, mit herabgezogenen Dächern standen die Anwesen in der Dunkelheit. Häuser sind auch nur Menschen. Diese Kurzschlüsse zwischen Landschaft und Seele — das ist Lenz’ eigentliche Meisterschaft.
Die Dithmarscher Küste bei Büsum kennt dieses Klima: das Watt als Spiegel des Gewissens, der Deich als staatliche Ordnungsstruktur, das offene Meer als das Unkontrollierbare. Nansen malt das Unbeherrschbare — Licht, Farbe, das Irrationale der Natur. Jepsen soll es kontrollieren. Das ist der eigentliche Konflikt: nicht NS-Ideologie gegen Kunst, sondern Ordnung gegen Leben.
Und über allem ziehen die Schwäne. Sie interessiert kein Malverbot. Sie interessiert kein nördlichster Polizeiposten des Reiches. Sie fliegen, weil es ihre Natur ist zu fliegen. Das ist kein politisches Statement. Das ist Biologie. Und genau deshalb ist es so subversiv.
VI. Der Film — Christian Schwochow, 2019
Christian Schwochow hat sich der Mammutaufgabe gestellt, eine aufwendige Kinoadaption des fast 600-seitigen Romans zu inszenieren — mit Ulrich Noethen als Jens Ole Jepsen, Tobias Moretti als Max Ludwig Nansen und dem jungen Levi Eisenblätter als Kind-Siggi.
Das Ergebnis ist zwiespältig — und produktiv zwiespältig. Kameramann Frank Lamm kreiert von der ersten Szene am Nordseestrand Panoramen, die in ihrer rauen Schönheit keinen größeren Kontrast zu den Gräueltaten abgeben könnten. Diese Bilder sind das Stärkste am Film: die Nordsee als Zeugin, stumm und überdauernd, gleichgültig gegenüber dem menschlichen Fanatismus, der sich unter ihr abspielt. Die Schwäne fehlen im Film als explizites Motiv. Aber sie sind da — in jedem Horizont, über dem ein Zugvogel verschwindet.
Ulrich Noethen stellt den fanatisch dienstergebenen Jens Jepsen so unmittelbar dar, dass man sich fragt, ob hinter seiner Dienstfertigkeit außer tiefsitzender Unsicherheit nicht vor allem Sadismus verbirgt. Das ist eine starke Lesart — möglicherweise eine Spur zu explizit für einen Roman, der gerade in der Unlesbarkeit des Bösen seine Kraft entwickelt. Aber Noethen trägt den Film.
Tobias Moretti als der starke, widerspenstige Nansen lässt glaubhaft werden, was es bedeutet zu malen — und was es für alle Umstehenden bedeutet, wenn dieses Malen verboten wird. Er ist das moralische Zentrum des Films, wie Nansen das moralische Gravitationsfeld des Romans ist.
Wo Schwochow verliert, hat Lenz gewonnen: Im Roman erlebt man Siggis Gedanken aus erster Hand — seine komplexe Entwicklung ist der eigentliche Bildungsgang des Buches. Der Film verlagert den Schwerpunkt auf den Konflikt zwischen Vater und Maler. Was im Roman ein Entwicklungsroman ist, wird im Film zum Familiendrama. Beides hat sein Recht. Aber sie sind nicht dasselbe.
Bemerkenswert auch die Entscheidung von Heide Schwochow, der Drehbuchautorin: Gudrun Jepsen wird im Film von der glühenden Hitler-Verehrerin des Romans zu einer unterdrückten, stillschweigend zweifelnden Frau. Auch das ist eine Lesart — aber eine mildere, eine die der Komplexität des Romans etwas von seinem Zahn nimmt. Im Roman ist Gudrun Teil des Mechanismus. Im Film ist sie sein Opfer. Das macht einen Unterschied.
VII. Die Freuden der Pflicht — heute
Zogen einst fünf wilde Schwäne,
Schwäne leuchtend weiß und schön.
Sing, sing, was geschah?
Keiner ward mehr gesehn.
Es wäre bequem, die Deutschstunde als historisches Dokument abzuhaken — als Vergangenheitsbewältigung im besten Sinne. Aber die Freuden der Pflicht sind nicht verschwunden. Sie heißen heute Compliance, Prozesskonformität, algorithmische Regelbefolgung. Der Apparat verlangt Gehorsam — und findet ihn. Die Frage, die Lenz stellt, ist zeitlos: Was bin ich bereit zu tun, weil es meine Pflicht ist? Und was verweigere ich, weil ich noch ein Ich habe?
Klaas Jepsen hat eine Antwort gewählt. Es hat ihn fast das Leben gekostet. Aber er ist gegangen — wie ein wilder Schwan, dem der Wind wichtiger ist als der Befehl.
Nansen hat eine andere Antwort gewählt. Er ist geblieben, aber unsichtbar geworden — seine Bilder entstanden im Verborgenen, in der Sprache, die kein Malverbot erreicht.
Und Siggi — Siggi schreibt. In einer Zelle. Über Die Freuden der Pflicht. Und schreibt dabei das Gegenteil davon: die Geschichte eines Lebens, das sich weigerte, still zu sein.
Das Lied von den wilden Schwänen fragt: Sing, sing, was geschah? Und die Antwort ist: Keiner ward mehr gesehn. Was fortfliegt, kehrt nicht zurück. Was sich weigert, verschwindet aus dem Sichtfeld der Ordnung. Aber es ist noch da. Irgendwo über dem Watt. Irgendwo über der Nordsee. Weiß und schön und frei.
An der Nordsee weiß man: Der Deich hält nur so lange, wie das Meer das will.
Das Meer hat immer recht.
P.H. Bloecker · bloecker.wordpress.com und phbloecker.wordpress.com
Burleigh Waters, Gold Coast, Queensland · März 2026
PS: Email aus Hamburg zitiert heute:
Im Juni 1978, kurz nach der Bürgerschaftswahl in Hamburg, erhält Siegfried Lenz einen Anruf von Helmut Schmidt. Die beiden verbindet seit Mitte der Sechzigerjahre eine stabile Freundschaft, Lenz hatte Helmut Schmidt – wie auch schon Willy Brandt – auf Reisen nach Polen begleitet. Nun fragte der damalige Bundeskanzler den Schriftsteller, ob er nicht das Amt des Hamburger Kultursenators übernehmen wolle.
Der Autor sagte ab, er begründete es so: »Nicht der vorgestellte Wechsel einer Lebenslage führte zu dieser Entscheidung, nicht Anhänglichkeit an vertraute Gewohnheiten und auch die Unwilligkeit nicht, öffentliche Verantwortung zu übernehmen; vielmehr habe ich schließlich meiner Überzeugung nachgegeben, daß ich all das, was zu tun ich für notwendig halte, eher mit den Mitteln des freien Schriftstellers als mit den Möglichkeiten eines Amtes erreichen möchte.« Er glaube, dass ihm allein die Arbeit, für die er sich vor nahezu 30 Jahren entschieden hatte, entspricht. Diese Worte fand ich in einem Brief, den er am 10. Juni 1978 geschrieben hatte.
Bereits einige Jahre zuvor hatte Lenz in seiner Dankesrede beim renommierten Bremer Literaturpreis gesagt: »Ich schätze nun einmal die Kunst, herauszufordern, nicht so hoch ein wie die Kunst, einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser herzustellen, um die bestehenden Übel zu verringern.«

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